Mathias Sonnleithner

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Fachrichtung
Geschichte
Projekt

Fakten in Bewegung. Transimperiale Informationszirkulation in den Kleinen Antillen: Saint Barthélemy, Saint Martin und Anguilla (Mitte 17. Jahrhundert-1815)

Lange Zeit dominierten Zentrum-Peripherie-Modelle die Geschichtsforschung zu den europäischen Kolonialreichen. Selbst neuere Studien fragen häufig weiterhin vor allem nach den Beziehungen und Transfers zwischen Kolonie und sog. „Mutterland“. Dadurch wird die Kolonialgeschichte entlang imperialer Grenzen fragmentiert und nationalisiert. Vereinzelt finden sich aber inzwischen Versuche, neue Geographien zu entwicklen, indem der Fokus auf Beziehungen zwischen vermeintlichen Peripherien gelegt wird. In dieser Perspektive ist das „Mutterland“ dann zwar ein wichtiger, aber nicht mehr der alleinige oder einzig zentrale Referenzpunkt für die lokalen Gesellschaften. Die Inseln der Kleinen Antillen gehörten beispielsweise dem spanischen, niederländischen, britischen, französischen, dänischen und schwedischen Kolonialreich an, waren aber durch legalen Handel, Schmuggel, Piraterie, Flucht und Migration, Marronage, Kriege, Missionen, Familienzugehörigkeiten und Freundschaften untereinander eng verflochten. Ein Großteil dieses interinsularen und transimperialen Austauschs von Informationen wurde dabei kaum vom jeweiligen „Mutterland“ kontrolliert, hatte aber teils starke politische und gesellschaftliche Implikationen.

Für die „Zentralen“ der Kolonialreiche in Europa ergaben sich daraus Probleme gravierender Informationsasymmetrien. Zwar bemühten sie sich, präzise Informationen über die politischen und sozialen Dynamiken in den Antillen zu gewinnen, die Einwohner vor Ort aber – Indigene, Sklaven, Maroons, Freigelassene, sog. „Freie Farbige“ und Siedler europäischer Herkunft – hatten zahlreiche Kontakte zu Angehörigen anderer Staaten und hatten so oft ein anderes Bild nicht nur von dem, was sich auf ihrer Insel ereignete, sondern auch von den sozialen, ökonomischen, politischen, rechtlichen und militärischen Entwicklungen auf Nachbarinseln. Daraus entwickelten sich oft multiple Identitäten und Loyalitäten, die meist einen stark situativen Charakter hatten. Ob Ursache oder Folge: Im Laufe der Frühen Neuzeit wechselte die Herrschaft über die einzelnen Inseln der Kleinen Antillen häufig und ihre Einwohner wünschten sich nicht selten, unter die Herrschaft einer anderen Kolonialmacht zu kommen, wenn sie sich davon Vorteile erhofften.

Das Projekt „Fakten in Bewegung“ nimmt in einem ersten Schritt die lokalen Informationsstrategien von der Mitte des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in den Blick. Weniger die Informationspolitik der zentralen kolonialen Verwaltungen als vielmehr das Agieren der unterschiedlichen Gruppen in den Antillen steht dabei im Fokus. Einerseits wurden die Erwartungen und Strategien den Inselbewohner durch die lokale Zirkulation von Informationen geprägt, andererseits übermittelten sie auch selbst aktiv Informationen, um Entscheidungsprozesse auf den verschiedenen Ebenen zu beeinflussen. Daneben tauschten auch die Repräsentanten der Staaten und Kompanien unterschiedlicher nationaler Zugehörigkeiten Informationen über imperiale Grenzen hinweg aus. Für die Kolonialbeamten wie für die anderen unterschiedlichen Gruppen von Inselbewohnern waren die Gewinnung und die Verbreitung von Informationen zu entflohenen Sklaven, der Gefahr von Aufständen, den Heiratsverbindungen, Handelsbeziehungen, Rechtsnormen, Prozessen, Konflikten unter Inselbewohnern, (mangelhaften) Loyalitäten, politischen Plänen der Kolonialzentralen, Truppenverlegungen oder auch Kriegshandlungen als Mittel der eigenen Planung wie der Einflussnahme von besonderem Interesse.

In einem zweiten Schritt untersucht das Projekt anhand von Prozessakten die Entwicklungen und Umbrüche von transimperialen Rechtsvorstellungen und ‑praktiken, die sich während der Zeit der Revolutionen ergaben. Dabei liegt der Fokus vor allem auf solchen Prozessen, in denen um die (Un)freiheit und/oder den Untertanenstatus bzw. die Staatsbürgerschaft eines Menschen gestritten wurde. Juristen gaben keine einheitliche Antwort auf die Frage, wie man mit den Veränderungen von Rechtsnormen sowohl in Europa als auch auf den Nachbarinseln umgehen sollte. Für Kläger und Angeklagte erweiterte diese Rechtspluralität und ‑unsicherheit die Palette von möglichen Argumenten und Strategien.

Beide Aspekte – lokale Informationsstrategien und Umgang mit rechtlichen Veränderungen – werden am Beispiel der „Mikroregion“ der drei nördlichen Inseln der Kleinen Antillen untersucht: Saint Barthélemy, Saint Martin und Anguilla. Die Auswahl gerade dieser drei Inseln basiert vor allem auf zwei Überlegungen: Zum einen liegen diese Inseln sehr nah beieinander, so dass für eine Überfahrt kein hochseetaugliches Schiff nötig war. Dadurch konnten sich dort ganz eigene Dynamiken von Informationszirkulation entwickeln. Zum anderen gehörten diese drei Inseln verschiedenen und über die Zeit auch wechselnden Herrschaftsbereichen an. Formal von der kastillischen Krone beansprucht, standen die Inseln Mitte des 17. Jahrhunderts jedoch weitgehend außerhalb des Herrschaftsbereichs europäischer Mächte und waren Hort zahlreicher Piraten und Freibeuter. Saint Martin wurde 1648 in eine französische und eine niederländische Hälfte geteilt – ein Kompromiss, der in der Frühen Neuzeit immer wieder in Frage gestellt wurde. Im selben Jahr wurde Saint Barthélemy französisch, kam jedoch immer wieder unter britische Herrschaft und fiel 1784 an Schweden. Die Insel Anguilla wurde Mitte des 17. Jahrhunderts englisch und musste im Laufe ihrer Geschichte mehreren französischen Invasionsversuchen widerstehen. Die Instabilität von Herrschaftsverhältnissen zeigt sich auch am Ende des Untersuchungszeitraums: In der Französischen Revolution brach die französische Herrschaft in der Region zusammen. Die nördlichen Kleinen Antillen können somit beispielhaft für die Instabilität der Antillen insgesamt stehen und stellen ein geeignetes Feld dar, um den lokalen Kontakten und Dynamiken auf den Grund zu gehen, die sich teils unkontrolliert entfalteten. Der Fokus auf Informationszirkulation wird eine Erneuerung unseres Blickes auf eine Region ermöglichen, deren Geschichte lange Zeit aus der Sicht des imperialen „Zentrums“ geschrieben worden ist.

Studium

2015-2018 Kulturen der Aufklärung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Seit 2011 Teilzeitstudium Psychologie (B.A.) an der Fernuniversität Hagen
2010/11 Interreligious Studies in Japan Program am NCC Center for the Study of Japanese Religions in Kyoto, Japan
2007-2015 Evangelische Theologie an der Universität Leipzig, der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

 

Wissenschaftliche Abschlüsse

2015 Kirchliches Examen und Diplom in Ev. Theologie / Dipl. theol.

 

Beruflicher Werdegang

2021 Stipendiat am Trierer Kolleg für Mittelalter und Neuzeit
Seit 2021 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich III, Fach Geschichte, am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Trier (Drittmittelstelle; pausiert für das Stipendium)
Seit 2020 Geringfügige Beschäftigung an der Stiftung LEUCOREA, Lutherstadt Wittenberg
2017-2018 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Rektoratsbeauftragten für das Reformationsjubiläum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

  • Mathias Sonnleithner, More Voltaire than Rousseau? Deism in the Revolutionary Cults of Reason and the Supreme Being, in: Anna Tomaszewska (ed.), Between Secularization and Reform. Religion in the Enlightenment (Brill, Leiden: forthcoming).
  • Mathias Sonnleithner, „Auf Erden kein anderes Reich als deines anerkennen“ – Soziale Hierarchie als göttliche Ordnung in der „egalitären“ Gesellschaft des revolutionären Frankreichs, in: Zeitschrift für Historische Forschung (erscheint Ende 2021).
  • Mathias Sonnleithner, Rezension zu Elizabeth Harding, Der Gelehrte im Haus. Ehe, Familie und Haushalt in der Standeskultur der frühneuzeitlichen Universität Helmstedt, Wiesbaden 2014, in: PuN 44 (2018).

 


2021

  • Volkszorn und organisierter Atheismus? – Ikonoklasmen als theopolitisches Instrument in der Französischen Revolution (Kolloquium „Neues aus der Frühen Neuzeit“, Universität Trier)

2020

  • „Deistische Reformation“ – Die Repräsentation sozialer Ordnung beim Fest des Höchsten Wesens (1794) als Beispiel revolutionärer Theopolitik (Promovierendenkolloquium, Universität Trier)

2019

  • The “Etre suprême” as “génie tutélaire de France”. Robespierre’s survival as proof of God’s existence (Workshop „Theologies of Revolution“, Universität Prag)
  • Theokratische Konzeptionen in der Französischen Revolution (Konferenz „Ort und Orte der Religion in der Aufklärung“, MLU Halle-Wittenberg)