Dr. Liliya Berezhnaya

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l.a.berezhnaya@uva.nl
Adresse
Trierer Kolleg für Mittelalter und Neuzeit, c/o Cusanus Institut, Domfreihof 3, 54290 Trier
Fachrichtung
Geschichtswissenschaft
Projekt

Die Rezeption katholischer und protestantischer Schriften bei den Gelehrten in der Kiewer Metropolie und im Moskauer Reich des 17.- Anfang des 18. Jahrhunderts

Das geplante Projekt gilt den Wegen der Verbreitung/Popularisierung katholischer und protestantischer Schriften bei den Gelehrten in der Kiewer Metropolie und im Moskauer Reich des 17. und frühen 18. Jh. Im Zentrum stehen Gelehrte ruthenischer Herkunft, die später im Moskauer Reich großen Einfluss hatten. Geographisch betrachtet geht es um die ruthenischen Länder, die heutzutage Teile der Ukraine, Weißrusslands, Litauens und Polens umfassen. Es sind die Gebiete zwischen den Flüssen Dnepr und Dnestr, eingeschlossen die Achse von Vilnius nach Lemberg.  Die Kiewer Metropolie kann als Kerngebiet betrachtet werden.

Diese Grenzregion bildete einen Ort des Übergangs, eine Kontaktzone sowohl in politischer als auch in kultureller Hinsicht. Ferner waren diese Länder der Ort des historischen Aufeinandertreffens der Moskauer Rus´ und des polnisch-litauischen Großreiches. Der Wandel vom Moskauer Russland zum Russischen Reich um 1700 bedeutete nicht nur eine territoriale Expansion, sonder auch fundamentale administrative, militärische und kulturelle Veränderungen. Diese Prozesse wurden begleitet von Prozessen der Konfessionsbildung, die im Fall der ruthenischen Länder zu einigen Besonderheiten führten. Meilensteine darin sind die Brester Union zwischen den polnisch-litauischen katholischen und orthodoxen Kirchen (1596), die Amtszeit des Kiewer Orthodoxen Metropoliten Petro Mohyla (1633-1646), und die  interkonfessionellen Konflikte der Mitte des 17. Jh. Dabei treten bei diesen Ereignissen die ruthenischen (orthodoxe wie unierte) Kirchenvertreter in den Vordergrund, die ihre geistliche Ausbildung im Rahmen der Kiewer Mohyla-Tradition erhalten haben. Diese vor allem akademisch-theologische Tradition war gekennzeichnet durch Offenheit gegenüber verschiedenartigen Einflüssen im kirchlichen wie im politischen Umfeld. Eben diese Offenheit, und die Bereitschaft zur Rezeption und Adaptation von Texten verschiedenartiger Herkunft fassen einige gegenwärtige Forscher als unterscheidendes Merkmal des damaligen (und schließlich auch noch des heutigen) Kiewer Christentums auf. Letztendlich stellen sie dies Kiewer Christentum in Gegensatz zur Moskauer, und schließlich auch zur imperialen russischen Orthodoxie.

Die Einschätzungen einiger ausgewählter Persönlichkeiten und ihres literarisch-künstlerischen Nachlasses durch die Historiker waren und sind oft emotional-polemisch gefärbt. Es geht um ruthenische kirchliche Würdeträger wie etwa Meletij Smotryc’kyj (ein orthodoxer ruthenischer Erzbischof, der zur Union mit Rom konvertierte, und zugleich Autor einer populären slawischen Grammatik, und einer Reihe polemischer Werke war) und Dmitrij (Tuptalo) Rostovskij (ein eifriger orthodoxer Kämpfer gegen die Altgläubigen, Prediger, Bildungsreformer, und Verfasser von Dramen, aber auch der erste kanonisierte Heilige in der Synodalen Periode der russischen Kirchengeschichte), Ipatij Potij (ein polnischer Senator ruthenischer Herkunft, ebenfalls zur Union übergegangen und schließlich unierter Metropolit von Kiew) oder Stefan Jaworskij (Metropolit von Rjasan und Murom, späteren Präsident des Heiligen Synod der russischen orthodoxen Kirche) ebenso wie eine Reihe von ruthenischen kirchlichen Akteuren des 17. – Anfang des 18. Jahrhunderts.

Historiker haben oft die Rolle diese Persönlichkeiten in der „Westernisierung“ der ruthenischen konfessionellen Kultur gewürdigt. Bereits der „Vater des ersten ukrainischen Großen Erzählung,“ Mychajlo Hruševskij, stellte am Ende des 19 Jh. die These auf über das Territorium der Ukraine als letztem Vorposten der westlichen Kultur gegenüber dem drohenden Ostens. Dabei spielte für ihn die Kirche als Schutzinstanz eine entscheidende Rolle. Seitdem gilt stets die Aufmerksamkeit der Historiker den prominenten kirchlichen Akteuren. In den letzten Jahren erschienen auch Studien über die Erneuerung der ruthenischen orthodoxen und unierten Kulturen im Zuge der Konfessionalisierung. In diesem Zusammenhang wurden auch Prozesse der Popularisierung der westeuropäischen Konzepte (Philosophie, Staatstheorie) und technischen Ideen bei den ruthenischen Eliten bereits näher untersucht.

Dieses Projekt knüpft an die genannten Forschungen an und beschäftigt sich auch exemplarisch mit dem Nachlass von repräsentativen kirchlichen Figuren. Seine Innovation liegt allerdings nicht in der Beurteilung des jeweiligen religiösen Selbstverständnisses dieser Personen. Vielmehr geht es um die Frage, wie die ruthenischen kirchlichen Hierarchen katholische und protestantische Texte für die Erfordernisse orthodoxer (oder eben unierter) Gläubiger adaptierten. Welche Rolle spielten derartige Texte in deren Bemühungen um pädagogische Reformen, und um die Verbreitung neuartiger Formen der Frömmigkeit? Und schließlich, wie trugen diese jeweiligen Traditionen bei zu einer „Versöhnung von Ruthenien mit Ruthenien“ in den möglichen Interpretationen dieser Formel (Unierte und Orthodoxe, Kiewer und Moskauer Tradition, etc.)?

Ferner untersucht dieses Projekt die Kommunikationswege innerhalb der so genannten überkonfessionellen Gelehrtenrepublik, ein weites Netzwerk von frühneuzeitlichen Intellektuellen, worin sich die  ostkirchlichen Akteure auf Griechisch, Latein, Arabisch oder in slawischen Sprachen austauschten (v. a. in Bezug auf religiöse Fragen). Trotz umfangreicher Quellenbestände ist diese Seite selten interdisziplinär und verflechtungsgeschichtlich untersucht worden. Das Projekt liefert weitergehende Forschungshinweise die eine solche Kommunikationskartografie besser zu verstehen helfen.

Die erste Hypothese lautet dass in der Kiewer Metropolie die Wege der Verbreitung der katholischen und protestantischen Texte und Konzepte auf drei Schnittstellen zusammengefasst werden konnten:

  • der Gebrauch von Zitaten in Orthodoxen und Unierten Traktaten, ferner in der Kodifikation von Texten und Erstellung von Übersetzungen in sowohl die kirchenslawische Sprache als auch in die „einfache Sprache“ (prosta mova)
  • die Durchführung von Reformen im Bildungssystem, die eine Kenntnis des Lateinischen und die Lektüre von Texten katholischer und protestantischer Theologen vorsahen
  • schließlich die Übernahme von katholischen und protestantischen Begriffen und Konzepten in Predigten, sowie in hagiographischen, polemischen und dramaturgischen Werken.

Studium

1997-2003 Promotionstudium, Central European University, Budapest (Ungarn), Historische Fakultät
1995-1996 Magisterstudium in Vergleichender Geschichte, Central European University, Budapest (Ungarn), Historische Fakultät.
1989-1994 Magisterstudium: Spezialisierung „polnische Geschichte,“ Staatliche Lomonosow Universität Moskau (Russland), Historische Fakultät.

Wissenschaftliche Abschlüsse

2003 Promotion, Central European University, Budapest (Ungarn), Historische Fakultät
1996 Magister Artium, Central European University, Budapest (Ungarn), Historische Fakultät
1994 Magister Artium, Staatliche Lomonosow Universität Moskau (Russland), Historische Fakultät

Beruflicher Werdegang

2021 Stipendiatin am Trierer Kolleg für Mittelalter und Neuzeit
Seit April 2021 Self-supporting Visiting Professor, KU Leuven, Faculty of Theology and Religious Studies, Leuven, Belgium
Seit 2020 Research Associate, University of Amsterdam, Faculty of Humanities, ARTES, Amsterdam, Netherlands
2009-2020 Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Universität Münster
2009-2012 Lehrbeauftragte an der Universität Münster, Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte
2009-2010 Research Fellow am Instituut voor Oosters Christendom, Radboud Universiteit Nijmegen, Niederlande
2008-2009 Lehrbeauftragte an der Universität Passau, Philosophische Fakultät, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen
2005-2006 Post-Doc-Stipendiatin der Fritz-Thyssen-Stiftung und der Gerda-Henkel-Stiftung, in Verbindung mit dem Seminar für Osteuropäische und Südosteuropäische Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität, München
2003-2005 Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Programmkoordinatorin, Center for Historical Studies „Pasts Inc.,“ Central European University, Budapest (Ungarn). Forschungsprojekt „Empires Unlimited.“
2001-2003 Programmkoordinatorin und Web-Site-Editorin, Open Society Institute (Soros Foundation)-Russland, Moskau (Russland).
2002 Research Fellow, Kennan Institute for Advanced Russian Studies, Woodrow Wilson Center, Washington, DC, USA.
2000 Forschungsaufenthalte in Warschau, Polen, aus Mitteln der Stiftung Kasa Mianowskiego, in Department of Modern Languages and Cultural Studies an der Universität Alberta, Kanada, School of Slavonic and East European Studies, University College of London, Großbritannien.

 


  • Liliya Berezhnaya, ‘Two Polish Jesuits in a Multiconfessional Surrounding: Reception, Adaptation and Local Practices.’ In Jesuitische Frömmigkeitskulturen. Konfessionelle Interaktion in Ostmitteleuropa 1570-1700, edited by Ohlidal, Anna, Samerski, Stefan, 259-278. Stuttgart 2006.
  • Liliya Berezhnaya,“True faith” and salvation in the works of Ipatii Potii, Meletii Smotryts´kyi, and in early‑modern Ruthenian testaments.’ Cahiers du monde russe. Russie, Empire russe, URSS, États indépendants 58, Nr. 3: 435‑464.
  • Liliya Berezhnaya, “Topography of Salvation. ‘Kyiv – the New Jerusalem’ in the Ruthenian Literary Polemics (end of the 16th-beginning of the 17th century)’, in: Litauen und Ruthenien. Studien zu einer transkulturellen Kommunikationsregion (15.-18. Jahrhundert) / Lithuania and Ruthenia. Studies of a Transcultural Communication Zone (15th-18th Centuries), edited by Frick David, Rohdewald Stefan, Wiederkehr Stefan, Wiesbaden 2007, 246-271.
  • Liliya Berezhnaya, ‘Imago hostis: Friends and Foes in Ruthenian and Russian Printmaking (Mid-Seventeenth–Beginning of the Eighteenth Centuries)’, in: Poltava 1709. The Battle and The Myth (Reprint: Harvard Ukrainian Studies, Vol. 31 (2009-2010)), edited by Plokhy Serhii, 309-354. Cambridge 2012.

2021
„Preparatio mortis: Tod, Frömmigkeit und interkonfessionelle Beziehungen in den frühneuzeitlichen ruthenischen Testamenten,“  Goethe-Universität Frankfurt am Main, Prof. Dr. Birgit Emich, Kolloquium: Aktuelle Forschungen zur Geschichte der Frühen Neuzeit / KFG-Lectures.

2019
„Hl. Dimitri von Rostow und Meletius Smotrycki. Über der Rezeption der westlichen kirchlichen Tradition bei den Gelehrten in Kiew und Moskau des 17.-18. Jhs.“ Östliche Christen und die Gelehrtenrepublik zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert: Briefwechsel, Reisen, Kontroversen, Villa Vigoni – Deutsch-Italienisches Zentrum für Europäische Exzellenz, Comer See, Italien.

2018
«An Orthodox Purgatory? Tollbooths in early modern Ruthenian religious polemics and on the Last Judgment icons», Histoire comparée et connectée des christianismes orientaux (XVIe – XIXe siècles), École Pratique des Hautes Études, Paris, Frankreich.

2008
“The Ukrainian Triangle‘ and the Early Modern European Multiple Borderlands,” Harvard University, Harvard Ukrainian Research Institute, Boston, USA.

2007
„’Das Ukrainische Dreieck‘ und Europäische Multiple Grenzregionen in der Frühen Neuzeit,“ Universität Passau, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen.